Levator ani- oder auch der vergessene Beckenbodenmuskel

Das Diaphragma Pelvis ist die innerste Schicht des Beckenbodens, und damit auch die größte Schicht unserer Beckenbodenmuskulatur. Die innerste Schicht setzt sich aus dem M. Levator ani und dem M. coccygeus (Steißbeinmuskel) zusammen und ist zwischen dem Kreuzbein und dem Schambein eingebettet und breitet sich fächerförmig aus, wie ein Trichter. Zusammen mit der mittleren und äußersten Schicht bündeln sie sich am Damm. 

Der Levator ani und der Steißbeinmuskel bilden eine fast transversale (querverlaufende) Muskelplatte und der Levator ani ist hauptsächlich für die Harn- und Stuhlkontinenz zuständig, also die Entspannung des Rektums bei der Defäkation bzw. Miktion. Aus diesem Grund wird der Levator ani auch Afterheber genannt, da er bei der Defäkation eine steile, trichterförmige Position einnimmt. Ansonsten, wenn der Gang zur Toilette nicht notwendig ist, ist das Rektum bzw. die Harnröhre am Levator-Tor mechanisch verschlossen. 

Ist der Levator ani gut trainiert, kann er seine Funktionen voll erfüllen: Unsere Organe an Ort und Stelle halten, bei der Bauchpresse mitwirken und den intraabdominellen Druck abfangen. Er gibt uns Halt von Innen und lässt unsere Bewegungen geschmeidiger wirken. 

Und da der Levator ani unter anderem für die Kontinenz zuständig, wird jetzt auch deutlich, welche Bedeutung er für Frauen hat, insbesondere während und nach einer Schwangerschaft. Aber auch die Männerwelt profitiert von einem starken und elastischem Beckenboden! Inkontinenz ist nach wie vor ein Tabuthema und statt mit angepassten Übungen und einer ganzeinheitlichen Beckenbodentherapie dem Problem Herr zu werden und ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben zu führen, werden sich eher die Einlagen in die Unterhose gelegt. Laut insenio sind über 10 Millionen Menschen alleine in Deutschland von einer Inkontinenz betroffen (Die Dunkelziffer wird höher liegen, daher sind genaue Zahlen zu nennen fast unmöglich). Bis zu 25% der Frauen sind von einer Inkontinenz betroffen, bei den Männern sind es um die 11%. 

Durch die Form des weiblichen Beckens, die Beschaffenheit der Beckenbodenmuskulatur und die 3 Körperöffnungen (Harnröhre, Vagina, After) sind Frauen öfter von einer Inkontinenz betroffen, davon ist die Belastungsinkontinenz die am häufigsten Vorkommende Form. Bei dieser Form der Inkontinenz wird Urin bei normalen körperlichen Anforderungen verloren wie beim Tragen, Lachen, Husten, Niesen und Hüpfen. Die Muskulatur kann also dem Druck nicht standhalten und es kommt zum Urinverlust. 

Gerade während der Schwangerschaft kann es durch den erhöhten Druck auf die Blase und die hormonellen Veränderungen zu unfreiwilligen Urinverlust kommen. Auch die Blasenschließmuskeln sind von den hormonellen Veränderungen betroffen und beim Husten, Lachen, Tragen können Tröpfchen in der Unterhose landen. Und das ist auch meistens auch normal und kann schlecht gänzlich verhindert werden, solange es sich in einem kleinen Rahmen bewegt. Das Gute ist, dass die Beschwerden nach der Geburt meistens wieder verschwinden. Das Schlechte ist, dass es auch oft nicht der Fall ist und eine Inkontinenz weiterhin bestehen kann. Gerade dann, wenn während der Schwangerschaft eine Beckenbodenschwäche festgestellt wurde und der Urinverlust mehr als das „Übliche“ ist. 

Im Besten Falle melden sich Frauen bereits während ihrer Schwangerschaft bei Urinverlust und man versucht dem Problem auf dem Grund zu gehen, sich Rat bei einem Gynäkologen/in oder Beckenbodentherapeuten zu holen und die Beckenbodenmuskulatur gezielt trainieren, und auch die Muskulatur drumherum: Bein- und Pomuskeln unterstützen den Beckenboden maßgeblich, die Adduktoren sind direkt mit dem Beckenboden verbunden, der Po unterstützt unsere Becken, sorgt für einen aufrechten Gang und aufrechte Haltung. Diese Maßnahmen können für einen guten Verlauf auch in der Postnatalen Phase sorgen, bereits während des Wochenbetts und im Rückbildungskurs- also ein Problem weniger. 
Wir arbeiten ganzheitlich in und mit unserer Muskulatur und trainieren nicht isoliert (funktioniert auch meisten nicht), können aber den Fokus auf eine bestimmte Muskelgruppe lenken, um diese zu stärken. 
Obwohl der Levator maßgeblich dafür sorgt, unsere Kontinenz zu sichern, können wir diesen, im Gegensatz zur mittleren und äußeren Beckenbodenschicht, nicht willentlich anspannen. Könnten wir das, würde es bedeuten, dass die innere Schicht auch über viele Nerven verfügen würde. Die Geburt würde noch schmerzhafter und beschwerlicher sein, denn das Baby muss auf seinem Weg durch die Vagina auch durch diese Muskelschicht hindurch. Deshalb muss hier auf ein ganzheitliches Training gesetzt werden, bei dem nicht nur die äußere Beckenbodenschicht (Gänseblümchen pflücken…) trainiert wird, sondern alle Muskeln und Faszien, die in Verbindung mit dem Becken stehen. 

Die Bedeutung des Levator ani sollte nun etwas klarer sein, und dennoch wird er auch als der vergessene Muskel bezeichnet, nur weil man ihn nicht bewusst anspannen kann. Er weist großartige Funktionen in unserem Körper dar, bestimmt maßgeblich unser Wohlbefinden, unterstützt unsere Haltung, sorgt für Kontinenz, fördert unser Sexualleben und trägt unser Kind. Und dennoch kann eine Dysfunktion oder eine Verkümmerung des Muskels oder Ligamenten der Beckenbodenmuskulatur zu langfristigen Störungen postpartal kommen und unter der Geburt. 

Fast 24 % der Frauen nach vaginaler Geburt entwickeln im späteren Leben eine Beckenbodenfunktionsstörung. Hauptursache ist eine sogenannte Avulsion des Musculus levator ani, die auch nach scheinbar unauffälliger Spontangeburt auftreten kann. Solche Levatordefekte treten in bis zu 20 % der Frauen nach vaginaler Geburt auf. Einige Faktoren lassen sich nicht beeinflussen: Genetisch veranlagte Bindegewebsschwäche, Anatomie des Beckens, Anlage der Muskulatur und auch in vielen Fällen das Kindsgewicht (3 % Risikosteigerung pro 100 g Kindsgewicht) sind nicht oder nur wenig beeinflussbar. (Joho-Geburtshilfe und Beckenbodenrisiken

Andere Risikofaktoren für eine Beckenbodenschwäche oder einer Avulsion können auch ein erhöhtes Geburtsgewicht, erhöhtes Gewicht der Schwangeren, Rauchen und ein erhöhtes Alter der Schwangeren bei der Geburt sein. 

Eine Avulsion beschreibt den Abriss des Levator ani und der Muskel reißt meist einseitig und rechts an der Hinterseite der Schambeine neben der Symphyse ab. Dadurch kann der Levator seine hängematteartige Aufhängung nicht mehr gut aufrecht erhalten und die Stabilität sowie die Kontinenz wird erheblich gestört. Auch nach einer unauffälligen Spontangeburt kann diese Art von Trauma entstehen und Risiko einer Organsenkung oder Prolaps ist um ein Vielfaches erhöht. (Aerzteblatt

Eine Ruptur, ein Abriss oder auch eine Dehnung kann erhebliche Beschwerden mit sich ziehen und zu schweren Lebenseinschränkungen führen sowie den Alltag maßgeblich mitbestimmen. Hoffnungslosigkeit, Selbsthass, Depressionen, Druck auf den eigenen Körper oder Körperbewusstseinsstörungen sind nur einige Erfahrungen, die Frauen berichten. 

SYMPTOME DES LEVATOR-ANI-SYNDROMS 

(Die meisten Patienten leiden an mehreren der unten aufgelisteten Symptome) 

Schmerzen beim Sitzen, Gehen 

(Unverhältnismäßige) Beschwerden oder Linderung nach dem Stuhlgang 

Gefühl, ein Fremdkörper liegt in der Scheide, wie ein verrutschter Tampon 

-  Druckgefühl, Schweregefühl, Spannung im Becken 

Inkontinenz von Harn oder Stuhl 

Schmerzen, Unwohlsein, kein Gefühl beim Geschlechtsverkehr: Scheidenfestigkeit hängt mitunter auch vom Levator ab 

Gefühl von Instabilität 

Eine geeignete Operation, den Levator wieder anzunähen gibt es nicht! Bei Organsenkungen werden unterschiedliche Operationen angeboten, je nach Schweregrad und die Organe werden angehoben und wieder stabilisiert, zumindest in der Theorie. In der Praxis können auch diese Operation, wie jede andere, Komplikationen nach sich ziehen. Therapiemaßnahmen sollten entsprechend mit einem Facharzt besprochen werden. 

Um es auch nochmal zu erwähnen, ein Kaiserschnitt mag zwar vor einem Abriss des Levators schützen, aber nicht vor einer Beckenbodenschwäche im Allgemeinen. Dein Körper weiß nicht, dass du dich vielleicht für einen Kaiserschnitt entscheidest und alles in deinem Körper stellt sich auf die Schwangerschaft und Geburt ein- auch dein Beckenboden! Auch hier wird durch den wachsenden Bauch mehr Druck auf den Beckenboden ausgeübt und dies kann genauso zu einer Schwäche während der Schwangerschaft und nach der Geburt bzw. weit nach der Geburt (im schlimmsten Fällen zu Senkungen) führen. Aufklärung sollte von den Hebammen und Gynäkologen erfolgen, damit Frauen im Voraus selbst entscheiden können, wie das Kind auf die Welt kommen soll und welche Risiken/Vor- und Nachteile eine Bauch- oder Spontangeburt haben kann. Mit Sicherheit kann niemand vor einer Geburt voraussagen, welche Verletzungen eine Frau während der Geburt davon trägt. 

AUSLÖSER VON BECKENBODENSCHWÄCHEN 

·        Übergewicht 

·        Rauchen 

·        Geburt in Rückenlage, Kopfumfang des Kindes 

·        Genetisch bedingte Bindegewebsschwäche 

·        Hormonumstellung in der Schwangerschaft 

·        Chronischer Husten/Asthma 

·        Mehre Geburten ohne besonderen Abstand dazwischen 

·        Altersbedingt, Gewebe wird unelastischer

·        Wenig bis gar keine Bewegung (Alltag, Training, viel Sitzen)


 
Wie kannst du Beckenbodenschwächen vorbeugen? 

Am besten fängst du weit vor deiner Schwangerschaft damit an, deinen Beckenboden kennenzulernen, seine Schwächen, seine Stärken und seine Aufgaben. Beckenbodentraining, also das An- und vor allem Entspannen aller Schichten integriert in entsprechenden, beckenstärkenden Übungen, Muskelaufbau, Ernährung, Haltung, das Vermeiden von zu viel Stress und vor allem Selbstliebe zum eigenen Körper, auch während deiner Schwangerschaft, danach und immer. Fange mit kleinen Veränderungen an, nicht alles auf einmal und integriere neue Verhaltensweisen auch in deinen Alltag. Fang schonmal gleich an und sitze wenigstens aufrecht beim Pipi machen! 

Du hast bereits Beschwerden, Senkungen oder Inkontinenz? Lasse dir von einem Beckenbodentherapeuten helfen und gemeinsam können Therapiemaßnahmen erstellt werden. Denn auch dann sind nicht alle Hoffnungen verloren, und mit zusätzlichem Training des Beckenbodens sowie ganzheitliches Training der Muskulatur können Abhilfe schaffen und dich von innen heraus stärken. 

Wichtig ist, dass du darüber sprichst und dich nicht versteckst, sondern offen damit umgehst, auch wenn es schwerfällt. Je mehr Frauen unterschiedlichen Alters und Auslösern sich mit dem Thema auseinander setzten, können gemeinsame Lösungen gefunden werden sowie der Umgang damit. Nimm eine Schwäche oder paar Tropfen Urin nicht einfach so hin!